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buchstabensuppe
Sonntage // 2.0
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Aufstehen, dann frühstücken. Heute ist Sonntag. Heute geht es an die Luft. Zum See, zum Park, ins Grüne. Es gibt kein schlechtes Wetter.
Nur.
Draußen scheint die Sonne.
Nicht.
Sich erst vor den Rechner setzen. Einmal kurz Mails checken. Einmal kurz bei Twitter vorbeischauen. Dann Myspace und aus Nostalgie und Gewohnheit: StudiVZ.
Sich vielleicht mit irgendwem verabreden.
In die Stadt, einen Kaffee trinken. In die Stadt, Freunde treffen. In die Stadt. Normal sein.
Nicht.
Noch mal in den Mailausgang sehen, könnte ja was gekommen sein. Dann Favstar. Die Statistiken der Homepage und des Blogs checken.
Auch.
Mittagessen machen.
Danach an die Luft. Spaziergang. Sich die Bäume vorstellen, das Gras, auf dem man sitzen wird. Diese Geräuschkulisse der anderen Menschen. Die zerflossenen Stimmen der anderen mit geschlossenen Augen aufsaugen. Auftanken.
Mittagessen essen.
Sich hinlegen. Die Stadt draußen wird in einer Stunde nicht verschwunden sein. Hat man sich ja verdient. Nachmittags ist es eh zu voll im Park. Wollen ja alle raus an die Luft. Wollen ja alle entspannen.
Schlafen.
Nach dem Nickern Kaffee trinken. Nicht mit Freunden. Mails checken. Twitter kurz und Favstar kurz und kurz die Süddeutsche.
Online.
Nicht Stadt, nicht Mensch.
Duschen, damit man überhaupt raus kann.
Könnte.
Vielleicht mit irgendwem telefonieren. Schafft man ja in der Woche nie. Ist ja Sonntag. Ist ja Zeit dafür. Man sucht durch das Telefonbuch des Mobiltelefons. Von A bis Z.
Das iPhone kennt alle Kontaktdaten aller Menschen, aber es weiß nicht, wen man anrufen soll. Die Frage Wer ist man? in das Eingabefeld auf http://www.google.de schreiben. Sich durch die Ergebnisliste klicken.
Nicht telefonieren.
Tatort schauen. Schnell zum Kiosk, Kippen kaufen. Die Luft ist kalt und dauert drei Minuten. Zwei Straßenecken, zwei Schachteln Kippen. Dann wieder zwei Straßenecken. Von unterwegs twittern. Schreiben, dass man Kippen kauft, schreiben, dass man Kippen gekauft hat. Draußen.
Vier Straßenecken lang. Vor der Haustür verliebt in den Himmel blicken.
Die Stadt liebt nicht zurück. Die Stadt weiß zu viel. Schnell aufs Sofa. Nicht den Anfang verpassen. Während des Tatorts denken: nach dem Tatort raus. Abendspaziergang.
Es schläft sich besser, dann.
Mails checken und Twitter und sich vornehmen die Schuhe anzuziehen und die Jacke, jetzt, gleich, sofort. Ist ja Sonntag. Die Stadt kennt zu viel von.
F5 auf Twitter drücken: einmal, zweimal, dreimal.
Noch mal.
Eben noch rauchen gehen, dann raus. Man hat ja Zeit, die muss man nutzen. Kurz nur twittern, dass man jetzt raus geht. Ist ja Sonntag.
Sonnatag schreiben.
Sich ärgern, dass man immer Sonnatag schreibt. Weil die Finger zu schnell sind für die Tastatur oder der Kopf zu langsam für die Finger. Twittern, dass man immer Sonnatag schreibt.
Dann kurz twittern, dass man nichts geschafft hat, dass man nicht im Park war, dass man nicht mit Freunden Kaffee getrunken hat. Kurz die Reaktionen abwarten. Kurz. Und kurz.
Nicht.
Und F5 drücken und F5 und F5 und müde werden. Wie immer viel zu spät müde werden. Morgen wieder arbeiten. Kurz nur Twitter und schreiben, dass man morgen wieder arbeiten muss. F5. F5.
Noch müder werden. Wovon eigentlich.
Fragezeichen.
Man hat ja nichts gemacht, man hat wieder nichts gemacht. Sonntag und man hat wieder nichts geschafft. F5.
Nicht abschalten.
F5. F5.
Alles zerfließt mit einem Tastendruck. Die Stadt löst sich auf. Man löst sich auf. Wer immer mit diesem man bezeichnet wird. Wird konturlos. Und bleibt.
F5.
Mirko Kussin
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