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Unter Ottern - Juni

Seit drei Wochen nun bewohne ich mein Häuschen im schönen Nordseebad Otterndorf. Ich bin viel mit dem Rad und zu Fuß unterwegs und genieße die Landschaft, den weiten leeren Himmel, die Abwesenheit von Menschenmassen. Vormittags oder abends nehme ich mir immer für die Arbeit ein paar Stunden: ansonsten lasse ich alles um mich herum einfach wirken. So ist es ja häufig, auf jeden Fall bei mir, was das Schreiben angeht: erst nach ein paar Wochen oder Monaten, wenn die Wirklichkeit so langsam durch meinen internen Filter getropft ist, bleibt die Essenz zurück – und daraus kann ich dann, wenn ich es schaffe, einen Text machen.

Sicherlich gibt es Erlebnisse und Begegnungen hier, die schneller dort ankommen. Oder mich einfach sprachlos machen:

Am letzten Samstag hatte ich ein zauberhaftes Erlebnis. Meine beste Freundin wollte mir per Hermes meinen Kaffeefilter nachsenden (ein bißchen exzentrisch, aber nun gut, mußte sein). Aus Spaß habe ich das mittwochs in meinen Schaukasten gehängt – ja, ich habe einen eigenen Schaukasten, etwa so wie analoges Facebook - etwa:

"Wo bleibt mein Keramikkaffeefilter? Findet der Hermes-Götterbote mich nicht? Muss ich ihm wohl eine Kerze ins Fenster stellen?"

Drei Tage später klopfte eine sehr schöne Frau an mein Fenster und hieß mich willkommen und überreichte mir einen – wer rät es? - Kaffeefilter. Mensch, war ich gerührt. Als ich ihr dann noch sagte, dass ich mich seit zehn Tagen mit polnischem Kaffee durchschlage, war sie hin und weg, sie war nämlich in Polen geboren.
Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit gehabt, um mit ihr direkt den Filter einzuweihen... sie kam aus Wingst, hatte den Filter extra in einem Antiquitätenladen gekauft.
Das ist alles beinah gruselig. Irgendwas kann hier ja nicht stimmen.
Otter, ick hör dir trapsen!

Ein paar Tage später dann der nächtliche Einfall:

„hah! ich hab es! vermutlich werden die stadtschreiber nach ablauf der fünf monate geopfert!
es gibt da doch zahlreiche filme drüber: dann werden die leute erst beschenkt und gemästet, alles um sie her wohl gestaltet - und dann dem gott der see übergeben. oder so.
halte also ausschau nach kkk-ähnlichen gewändern und mützen, ritualmessern etc.
ob der friesennerz vielleicht die uniform einer geheimen, neptun geweihten vereinigung ist, die den blanken hans mit künstleropfern besänftigt? gab es deshalb so lange keine große "mandränke" mehr?“
(auszug aus meinem notizbuch)

War versucht, an eine Verschwörung zu glauben.

In der zweiten Woche war meine offizielle Amtseinführung im Voßhaus in der Altstadt, alles sehr nett, mit einem schönen Interview-Gespräch und einem reichlich gefüllten Präsentkorb (Kaffee, Nudeln, Schokolade, Wein, was man eben als Schriftsteller so braucht...), und während ein Teil von mir sicherlich genießt, dort zu sitzen und wahrgenommen zu werden, sitzt ein anderer immer daneben und wundert sich, was das für eine Ivette ist, die da redet, antwortet, mit der Presse scherzt und smalltalkt. Als hätte ich ein Double, das die offiziellen Anläße für mich übernimmt. Das kommt dann nacher in die Waschmaschine - und ich bleib zurück und denke etwas Gehaltvolles wie: Hm.

Aber abgesehen von Persönlichkeitsspaltungen und Verschwörungstheorien ist es hier oben einfach wunderschön und friedlich. Die Landschaft, dies Städtchen, das Meer, mein Haus und nicht zuletzt diese unglaublich netten Leute, die es schaffen, mir das Gefühl zu geben, willkommen zu sein, ohne sich aufzudrängen.
Insgesamt der Eindruck, dass den Bewohnern des Landes (im Sinne von Gegend) eigentlich das Wichtigste ist, einem die ganzen Dinge, Orte, zu zeigen, die ihnen am Herzen liegen. Selten so viel angenehme Vaterlandsliebe und Ortsverbundenheit erlebt - wo auch. Ruhrgebiet ist immer so ein "Ich muss", während hier mehr ein "Ich will" herrscht.
Ein weiterer Beweis: die vielen Menschen aus dem Pott, die hierher gezogen sind: der örtliche Buchhändler und seine Frau kommen aus Gelsenkirchen, der Lektor der Lokalzeitung aus Duisburg...

Bin also nicht allein hier. Und erwarte gespannt die nächsten Monate, aus denen es von Schützenfesten, Open-Air-Konzerten, Germanischem Fünfkampf und meinem Gehirn sicherlich viel zu erzählen geben wird!

 

Ivette Vivien Kunkel

 
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