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Buh!

Sie stand im Treppenaufgang neben meiner Tür. Eine Sechzehnjährige blass wie ein Pantomime und vom Mittelscheitel bis zum baren Fuß ganz Huldigung an die blumenkräftigen 70ger.
Ich kam gerade nach einem harten Tag ungetaner Arbeit nach Hause. Ich war so tief in die Knie gesunken, dass ich mich als Aushilfe in einem Sonnenstudio beworben hatte; doch sie prüften meine Hautpigmente und meinen Verstand und erkannten in mir keinen Diener ihres strahlenden Metiers.
Während ich die Wohnungstür aufschloss, hauchte das Mädchen mir ein trostloses ‚Hallo’ zu.
„Hallo“, erwiderte ich
„Hallo? Sie können mich sehen?“
Irritiert hielt ich inne und starrte mein theatralisch aufgelöstes Gegenüber an. Tatsächlich fiel es schwer, sie nicht zu sehen.
„Ich sehe dich“, war das letzte, das ich zu ihr sagen wollte. Da ich mich gerade endgültig auf dem Spezialgebiet der eigenen Existenzvernichtung etabliert hatte, wollte ich anfangen, einen Ratgeber zu schreiben: Steil bergab mit Katja Freese – oder wie man aus wenig nichts macht.
Aber das Blumenkind huschte unerwartet auf mich zu und flehte: „Ich brauche Hilfe!“ Offensichtlich sogar. Ich ließ meinen Blick über sie schweifen, bereute es aber sofort, als er auf ihren Gürtel aus gehäkeltem Stroh traf.
„In diesem Haus ist etwas Schreckliches geschehen!“, jammerte sie.
„Aha“, sagte ich lahm. Hatte Profilerin Schneider Spuren von ‚grauem’ Müll in der gelben Tonne gefunden und die Studentin aus dem Vierten wieder mit der Nase in den Beweis gedrückt?
„Mein Vater hat meine Mutter geschlagen“, begann sie mit einer Stimme jenseits aller Stabilität. „Ich bin dazwischen gegangen und ... da hat er mich niedergeschlagen ... Als ich aufwachte, waren meine Eltern weg, ebenso all unsere Möbel. Sie können sich nicht vorstellen, was für ein Schock das war!“
Das Mädchen schluchzte auf und schwanke auf ihren nackten Füßen.
„Ich ... ich bin zu unserer Nachbarin Frau Borgschulte gelaufen, die beste Freundin meiner Mutter. Aber sie hat kein einziges Wort mit mir gesprochen! All die Jahre nicht. Irgendwann hat man sie ins Altersheim gebracht. Ich bin ganz allein ...“
Was zum Hippie sollte das werden?
Sie schluckte schwer und sagte dann couragiert: „Ich heiße Brunhilde Paul, und ich bin tot.“
„Tot?“, ächzte ich und hielt mich an der Tür fest. Mon dieu!
Was an mir erweckte den Anschein, empfänglich für solche Geschichten zu sein? Ich war heute in schwarz gekleidet und meine Wimperntusche womöglich wieder den Weg aller Schwerkraft gegangen, so dass mich dieses Mädel vielleicht für einen Emo hielt.
In diesem Moment polterten Schritte die Treppe runter. Ein Typ im Klempnerdress kam ins Blickfeld und grüßte mürrisch. Ich grüßte zurück und wollte die Gelegenheit nutzen, in meiner Wohnung zu verschwinden. Da sprang diese Brunhilde plötzlich neben den Mann und rief: „Können Sie mich sehen?“ Ich zuckte zusammen und blieb stehen. Der Mann allerdings nicht, er ging weiter, als wäre nichts geschehen. Sie folgte ihm ein Stück die Treppe herunter und fuchtelte mit ihren Armen vor seinem Gesicht herum. Keine Reaktion. Gute Güte! Brunhilde ließ von dem Klempner ab und kam mit weit aufgerissenen Augen auf mich zu. Sie war praktisch unheimlich! Meine Knie gaben etwas nach, und ich versuchte, mich zu bekreuzigen, bekam aber nur eine rudimentäre Evangelen-Version hin.
„Sie müssen herausfinden, was mit meiner Mutter geschehen ist.“
Sie machte einen Schritt vorwärts, ich rückwärts, sie wieder vorwärts. Jetzt stand ich mit dem Rücken an der Wand.
„Äh ... äh ...“, hyperventilierte ich und wich zu meiner geöffneten Wohnungstür aus. Ich wagte ein paar zaghafte Schritte in Richtung meines Flurs. Brunhilde folgte mir. „Helfen Sie mir. Sonst muss ich bleiben!“, stellte sie die Fakten klar.
Bleiben?
Ich hob unwillkürlich die Hände und tastete mich mit Blick auf Brunhilde ins Wohnzimmer. Etwas berührte mich am Rücken. Ich schrie und schlug auf meinen Fikus ein. Mein kühler Intellekt lag am Boden,
„Sie werden mich nicht immer sehen, aber ich sehe Sie!“ Brunhildes Blick durchlöcherte meine restliche Abwehr, und ich hatte das Gefühl, dass sie wahrhaftig an mich kleben bliebe, wenn ich nicht gehorchte.
„Ja gut!“, krähte ich. „Ich mach alles, ich schwöre es bei meiner eigenen Mutter!“
„Hören Sie mir genau zu“, sprach Brunhilde und sah sich in meinem Wohnzimmer um, als sehe Sie zum ersten Mal ein Laptop und einen Flachbildfernseher – alles Dinge, die ich mir bis jetzt hatte leisten können. „Fahren Sie nach Öspel ins Altenheim ‚Zum silbernen Blick’ und sprechen mit Helga Borgschulte. Ich kann keinen einzigen Tag mehr länger warten!“
„Borgschulte, Silber...blick“, stammelte ich. Mein Kopf kippte vor und zurück wie ein Wackeldackel auf einer Waschmaschine, die schleudert. Ich steuerte zögernd auf den Flur zu, aber Brunhilde blieb im Wohnzimmer stehen.
„Ich warte hier auf Sie!“
Mit dieser Drohung rannte ich von Sinnen aus der Wohnung, nur noch den einen Gedanken im Kopf, das Rätsel um Brunhilde zu klären. Ich hatte Todesangst. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ich mit Geistern würde wispern können?
Ich fuhr nach Öspel. Tatsächlich residierte Helga Borgschulte dort und freute sich über Besuch. Sie schien nicht ganz beieinander zu sein, denn sie wusste nichts über eine Familie Paul und auch nicht, dass sie am Ostpark gewohnt hatte. Ich schüttelte sie schließlich durch, um ihrer Erinnerung an den rechten Platz zu verhelfen. Sie freute sich nicht mehr über den Besuch. Ein Pfleger brachte mich bis vor die Eingangstür.
Wie sollte ich dieser schrecklichen Brunhilde nur helfen, damit sie mich nicht mein Lebtag verfolgen würde?
Aber sie hatte sich bereits selbst geholfen, musste ich feststellen. Denn als ich mit blank geschwitzten Nerven meine Wohnung wieder betrat, war die Anzahl wertvoller Gerätschaften drastisch reduziert.
Auf einem Zettel stand fett in Edding:

BUH! 

 

Katja Freese

 
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