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buchstabensuppe
Unter Ottern - Mai
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Bahnfahrt durch die schöne ebene Landschaft im Norden. Ein hoher, weiter Himmel.
So viel Platz, dass mein Hirn quasi den Gürtel löst und den Bauch über den kortikalen Hosenbund hängen läßt. Mein Hirn summt in dieser Umgebung. Das ist ein gutes Zeichen. Freue mich über Wörter wie „Knick“ für eine flache Heckenreihe.
Habe mich im Sommer ´09 beworben um die Stelle als Stadtschreiber in Otterndorf an der Nordsee. Ein Häuschen mit Garten am Meer und ein kleines monatliches Salär, was kann sich ein Autor mehr wünschen (außer vielleicht, das möge nicht nur fünf Monate, sondern eher so fünf Jahre dauern!). Alles sehr förmlich mit Bewerbung und Begründung, Textproben und Vita.
Dann im November, ich hab gar nicht mehr daran gedacht, die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch im historischen Rathaus. Vor dem Kulturausschuss der Stadt. Bin eingeladen, eine Nacht in Otterndorf zu verbringen. Ich war als Kind schon mal da und versuche, mich zu erinnern. Wattenmeer und wenige Muscheln, riesenhafte Containerschiffe ziehen am Horizont vorbei, Richtung Hamburg.
Schön: Schiffe gucken.
Wandere schonmal einige Wege ab, den „Philosophenweg“ (den auch Goethe gegangen sein soll) zum Meer und zurück, werde freundlich gegrüßt, von Einheimischen, Schafen und Seevögeln. Eine Krähe macht sich über meinen Rucksack her, der da einsam am Strand steht, und hört sich geduldig und mit geneigtem Kopf mein Fluchen an, während ich auf sie zulaufen, geht aber keinen Schritt zurück, bis ich auf Armlänge rangekommen bin.
Gehe eine Runde um das Häuschen, in dem ich dann wohnen darf, wenn alles gut geht; lege probehalber die Hand auf die Türklinke, fühlt sich gut an. Gebe dem Haus spontan einen Namen, Verschwisterungen sind immer gut.
Also Abends: Fragen und Antworten vor gefühlt achtzig Augenpaaren, ich allein an meiner Tischseite. Mir fällt ein: die Alleinigkeit des Gehirns bei Vorstellungsgesprächen. Ich glaube, ich sage sogar etwas, worüber gelacht wird. Gutes Zeichen?
Nächtliches Waldkauzwimmern. Möwenschreie. Kalter Dezemberabend. Vor dem Schlafengehen Finkenwerder Scholle und Feierabendbier.
Was macht man denn eigentlich als Stadtschreiber? Es gibt eine Ankunfts- und eine Abtrittslesung, außerdem eine Einführung ins Amt; der Rest ist freigestellt. Natürlich sollte man die Chance nutzen, ohne Geldsorgen und in einer wunderschönen Landschaft, zwischen freundlichen Nordlichtern, auch ordentlich zu schreiben. Und es wird gerne gesehen, wenn man sich etwas unters Volk mischt und am kulturellen Leben der Stadt teilnimmt. Aber das ist keine Pflicht. In Otterndorf ist der „Stadtschreiber“ ein Stipendium, dass dem Autoren große Freiheit läßt; da gibt es andere, die weniger nett sind.
Eine Woche (eine laaaaaange Woche) später der Anruf. Dass ich die Stelle habe. Kann mich vor Freude nicht artikulieren und klinge vermutlich sehr gelangweilt am Telefon. Hopse dann aber wie irrsinnig durch meinen Wohnort und bin unfaßbar. Das ist ein großes Kompliment an meine bisherige Arbeit und ein starker Zuspruch für die Zukunft.
Kriege Dinge zu hören wie „Was willste denn da fünf Monate? Da fällt dir doch die Decke auf den Kopf.“ Bedaure alle Menschen, denen mit ihrem eigenen Gehirn langweilig wird, die es langweilig finden, am Meer zu wohnen, Wattwürmer zu zählen und sich die 52 Leuchttürme zwischen Cuxhaven und Hamburg anzuschauen. Nagut. Ab dem 48. find ich es vielleicht auch ein bißchen öde. Ich werds aber versuchen.
Fünf Monate Stadtschreiber in Otterndorf, Haus mit Garten an der See – das wird ein guter Sommer!
Ivette Vivien Kunkel
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