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Abgelenkt

I )

Spätestens um 20 Uhr schließen die kleinen Läden, Reisebüros und Tauchschulen im Hafen meiner kleinen Basis im Golf von Thailand. Rucksacktouristen, die sich tagsüber hierher verirren, sind zu den Bungalows und Partys am großen Strand verschwunden. Die dunklen Taxibootfahrer leeren noch eine letzte Flasche Schnaps in der Nähe des kleinen Schreins, aber es spielt keine Musik und es brennt nirgendwo ein Licht.

In einer solchen Nacht tauchte aus der Dunkelheit ein Hund auf. Es war ein kräftiger Bursche, ein Kämpfer mit einer Menge Narben. Er knurrte, bellte, fletschte die Zähne und tanzte um mich herum, um den richtigen Augenblick abzupassen.
Ich kann nicht sagen, warum er mich angriff, was er gegen mich hatte. Normalerweise sind die freien Inselhunde friedfertige Exemplare, und die wenigen, die Menschen angreifen werden sehr rasch beseitigt. Dieser hier schien vorher nicht aufgefallen zu sein.

Ich traf ihn mitten im Sprung. Es war ein Tritt, der einen Fußball hoch über die Häuser zu einem der Tauchboote da draußen befördert hätte. Der Hund drehte sich entgegen dem Uhrzeigersinn im Staub. Dann verkroch er sich jaulend in die Dunkelheit.

Als ich später die schmutzigen Segeltuchschuhe in Seifenlauge einweichte, wurde mir seltsam stark bewusst, dass der Hund mich dazu gebracht hatte, etwas zu tun, an dem ich keine Freude empfand. Er hatte mich gezwungen, ihm weh zu tun, und jetzt tat es mir sehr leid. Für ihn und für mich.

Zwei Nächte darauf geschah etwas, das mit einem weitaus kleineren Tier zu tun hatte. Ich war soeben von einem späten Treffen mit Freunden zurückgekommen. Die Hitze war furchtbar, und es regnete glitzernde Gitterstäbe aus schnell aufeinander folgenden Tropfen.
Ich rauchte auf der Terrasse noch eine Zigarette und wollte soeben ins Bett, als etwas in mein linkes Ohr flog. Es summte. Dann biss es mit lautem Knall zu oder stach. Ich presste die Hand vors Ohr, bohrte den kleinen Finger rein, drehte mich um die eigene Achse, zunächst völlig hilflos.

Ich hörte lautes Schaben und stellte mir die Zangen irgendeines Insekts vor, dass sich durch mein Trommelfell fraß. Es war in mir, in meinem Kopf, ein winziges Lebewesen ohne Verstand, und es schickte mich auf die Knie.
Was tun?
Was tun, zum Teufel?

Ich rannte in krummer Haltung ins Bad, drehte das Wasser auf und hielt den Duschkopf ans Ohr, aber es war immer noch lebendig da drin. In meiner Verzweiflung und Panik nahm ich die Flasche Eau de Toilette. Es gab kein anderes Mittel, es sei denn, ich hätte die Nerven gehabt, Tabak in Wasser aufzulösen und hinein zu tröpfeln.

Ich wusste, was ich jetzt tat, war nicht die beste Lösung, aber woher z.B. Öl nehmen? Ich sprühte zwei Ladungen Aqua di Gio ins Ohr und die Bewegung da drin hörte auf. Sie hörte auf, aber ich war auf der Seite taub. Blut sickerte heraus.
Ich suchte nach dem Mopedschlüssel, doch war zu aufgelöst und zu betrunken, um ihn sofort zu finden. Ich zog mir die Shorts an und suchte zweimal den glitschigen und warmen, von wuchernden Pflanzen gesäumten Weg zum Parkplatz ab, bis ich den Schlüssel schließlich in der hellen Hose fand, die ich am Tage getragen hatte. Als ich über die bergige Piste zur Klinik Nähe Hauptstrand fuhr, ließ der Regen nach.

Die Nachtwache lag im Donald Duck-Pyjama auf der Couch im Foyer und glotzte Comicfilme. Sie gähnte, aber machte keinerlei Anstalten aufzustehen. Sie fragte:
- What happened?
Ich erklärte, was los war, und das Mädchen bequemte sich zu fragen, ob ich wegen dieser Kleinigkeit den Doktor sehen wolle. In diesem Moment tauchte der sehr männlich wirkende Ladyboy auf – mit schlenkernden Hüften, angewinkeltem linken Arm und schlaff baumelnder Hand. Sein Gesicht zeigte Gleichgültigkeit, seine Stimme war zart. Er sagte:
- Please follow me.

Der Ladyboy bohrte in meinem Ohr herum, aber als ich einmal Schmerzen zeigte, weigerte er sich, weiterzumachen. Ich sagte: - Take it out. I can stand the pain. Take it out, man. Just take it out.
- You’re sure: insect?
- Yes, I am sure.
- Go Bangkok-Hospital. You need a specialist.
- I have to take a flight.
- When?
- Tomorrow.
- Not good.
Ich nahm die Medizin in Empfang, zahlte die Rechnung und setzte mich draußen aufs Moped.
Es war mittlerweile nachts gegen zwei Uhr.
Ich aß jeweils eine Pille Ibuprofen und eine Pille Antibiotika.
Ein Insekt, unglaublich. Scheißegal. Das Insekt war tot. Die Taubheit war unangenehm, aber ich glaubte nicht daran, dass sie bleibend war. Falls doch, musste ich eben damit leben.
Ein Insekt.
Ich schüttelte den Kopf.
Wirklich seltsam, dachte ich, erst von einem Hund und schließlich von einem Insekt gefahren zu werden. Das muss man zugeben.
Dann startete ich den Motor.

II )

Suvanabhumi International Airport. Müde, aber mit Aussicht auf ein paar Stunden Schlaf während des Fluges, gammelte ich zwischen den Duty-Free-Läden herum. Schließlich setzte ich mich in den Smoking Room.
Der Kerl, der dort hockte, trug zu große Jeans, Sandalen und ein rotes T-Shirt. Er wirkte geistesabwesend. Seine enorme Brille war schon in den 70ern keine Mode mehr, und von Pediküre hielt er so wenig wie von Zahnpflege. Ich sagte Guten Tag. Er war sofort mein Kumpel.
- Als erstes baute ich da draußen aufm Land ne richtige Toilette. Die hatten da so n Loch wie bei den Franzmännern. Dann baute ich das andere.
- Wie sind Sie mit dem Essen klar gekommen?
- Scheißfraß, aber liebe Leute. Wollen Sie mal sehen?
Er zeigte mir eine Fotografie.
- Bild, wie’s die Türken haben. Schön bunt, was? Das hier ist…
Er zählte die Verwandtschaftsgrade auf, und in diesem Moment tauchte vor der Glastür eine ältere Nord-Ost-Thai auf. Als sie die Tür öffnete, schrie er: - Verpiss dich, Alte!
Vertraulicher, mir zugewandt, fügte er hinzu: - Die hat immer Angst, dass der Flieger ohne uns geht.
Schließlich kam er hinter mir her und war offensichtlich enttäuscht, weil ich mich im Wartebereich nicht zu ihm gesellte.
Nach der langen Reise unter Schmerzen war ich zu müde für Scherze aller Art.

Thai-Airways gehört zur Star-Alliance, und wenn der Flug einer Partnerfirma nicht voll ausgebucht ist, gibt man den Passagieren Plätze in einer ebenso leeren Maschine, die dasselbe Ziel hat. Der Flieger war restlos besetzt. Ich nahm die Bangkok Post und die Newsweek aus dem Zeitungsständer.
Swine-Flu war im Anmarsch.

Aufgeregte Urlauber verstauten Handgepäck in den Fächern, und während des Wartens auf dem Gang schlief ich beinahe ein. Jemand wollte sich von hinten an mir vorbei drängeln, aber um eine Horde Barbaren zu schlagen, bedarf es nur eines guten Mannes auf einer engen Brücke. Außerdem sprach der Mann in mein linkes Ohr. Er hätte genauso gut versuchen können, einer toten Katze das Klettern beizubringen.
Langsam näherte ich mich meinem C-Sitz am Gang in Flugrichtung links. Ich döste sozusagen hin und zählte die Sitzreihen.

60 C.
61 C.
62 C…
Nein.
Doch…

Es war unfassbar. Sie war so dick, dass ihr Hintern die Hälfte meines Sitzes überlappte, und der große Mann am Fenster wie eingeklemmt wirkte. Ihre Augen waren klein wie bei einem Ferkel, ihre Nase nichts als ein Knubbel und ihr Mund erinnerten an die Münder chinesischer Ziergoldfische.
Aus diesem Mund piepste das Wort: - Sorry.
Sie sah mich an wie ein Hund, den man soeben ausschimpfte, weil er schon wieder den Teppich mit der Hundewiese verwechselt hatte. Mir misslang das Lächeln, aber ich sagte nichts.
Ich konnte nichts sagen. Mir blieb jedes Wort im Halse stecken. Ich quetschte mich zwischen die Frau und den fixierten Sitzbügel zum Gang. Mein Oberkörper hing nach rechts. Links umschwappte mich das Fett. Wie sollte ich in dieser Haltung schlafen?
Hilflos blickte ich hinter mich und sah, wie eine dicke Frau auf einem der mittleren Plätze die Augen schloss, und zwar schnell. Dann hörte ich, wie die Dicke neben mir die Speisekarte vorlas. Sie sagte: - Ich nehm natürlich das Hühnchen. Dazu einen Campari-Orange. Und was willst du, Schatz?

Als der Flieger die Flughöhe erreicht hatte, glaubte ich beinahe daran, dass mit dem Ohr alles gut gehen würde. Aber Dekompression kostet Kerosin. Ich fürchtete die Landung. Bis dahin dauerte es allerdings noch über elf Stunden. Elf Stunden… Ummantelt von diesem heißen Fleisch.
Es schloss mich langsam ein.
Eine Fresszelle bei der Phagozytose.
Ich wand mich da drin wie von warmen Latex überzogen, wollte raus, weil die Luft knapp wurde und das Ding, aus welchen Gründen auch immer, enger und enger.
Meine Verzweiflung nahm zu, als die Bordbegleitung Mahlzeiten servierte. Der untere Teil des rechten Oberarms von Madame schwabbelte rosa über meinem Tablett. Ich musste umständlich den linken Arm heben, um das Messer führen zu können, und dann sah ich, wie all die kleinen Hühnchenteile in diesem Gesichts-Loch verschwanden: Flupp-flupp-flupp. Aufgesogen. Von einem menschlichen Staubsauger.
Und jetzt ihre Stimme wie die eines kleinen Mädchens: - Sorry, Miss, but I am still hungry. Can I have a sandwich, please? And one Whiskey-Coke for my husband. And if you don’t mind, a Campari-Orange for me, please. I am so sorry.

Ich versuchte zu schlafen, wobei mir das grauenhafte Bild restlos abgeschleckter Essensschalen zuerst nicht aus dem Kopf ging. Aber schließlich spulten sich Fragmente der diesjährigen kambodschanischen Eindrücke ab, wegen denen ich nach Asien gereist war. Darunter die ersten übergewichtigen Kinder. Laut WHO gab es zurzeit mehr übergewichtige als hungernde Menschen auf Erden.
Zuckerberge brachen zusammen.
Hier kam der Schlaf.

Ein Stoß weckte mich.
- Sorry, aber ich muss Pipi.
Pipi?
Ich stand auf und sah auf dem Bordbildschirm, wie Tom Cruise als Stauffenberg herum spazierte. Operation Walküre, auch das noch.
Derweil wuchtete die Dame sich hoch und riss beinahe den vorderen Sitz ab. Ihr Mann sah zum Fenster hinaus. Der wusste, wo die Glocken hingen, und ich fragte mich, ob man auf den Armaturen im Cockpit sah, wie sich im Flugzeug langsam das Gewicht verlagerte.

Sie kam rasch zurück, und ich schaltete sie mittels Entspannungstechniken aus. Auch Tom Cruise verschwand. Mit ihm das gesamte Flugzeug.
Doch der Zustand war nicht lange zu halten. Ihre weinerliche Stimme drang zu mir durch:
- Sorry, Miss, but I need one coke. For taking medicine, you know… Und kurz darauf mit festerer, verschwörerischer Stimme: - Gleich klingele ich noch mal.
Ich driftete in den Zustand zwischen Schlaf und Wachsein.

Ein Operationssaal. Der Chefchirurg hatte soeben den Bauch der Dicken geöffnet und sprang entsetzt zurück. Er wandte sich dem Assistenten, dann dem gesamten Team zu. Er sagte:
- Mein Gott. Habt ihr das gesehen?
Der Assistenzarzt beugte sich über das Loch, aber der Chef riss ihn zurück.
- Vorsicht.
Der Assistenzarzt bat eine der Pflegerinnen, den Schweiß von seiner Stirn zu wischen. Er stammelte: - Da drin ist die gesamte Süßwarenabteilung eines Supermarktes, aber nicht die eines kleinen, das sage ich euch. Außerdem liegen halbe Hühner und Würste auf gigantischen Haufen, so dass man den Eindruck einer surrealen Landschaft gewinnt. Aber das grauenhafteste sind die kleinen Zähne rund um die Wunde, und wie sich der Verdauungsbrei langsam in eine Zunge verwandelt…
Ich öffnete die Augen.
Stauffenberg hatte es erwischt.

Mir war links ungeheuer warm, und ich betrachtete, wie gut die Nähte der hellen Hose über diesen gigantischen Beinen die enorme Beanspruchung aushielten. Aus dem Stoff hätte man locker Zelte für einen Zug Soldaten anfertigen können.
Aber halt, Kamerad… Koch jetzt nicht über. Man darf nicht so über Dicke herziehen. Die können nichts dafür. Die haben’s mit den Drüsen.
Von wegen Drüsen.
Und schon wieder klingelte sie, säuselte Sorry, fragte nach einem weiteren Sandwich, einer weiteren Cola, einem weiteren Campari-Orange, diese…

Sachte, Junge.
Reg dich ab.
Geh dir die Beine vertreten.

Mir tat der gesamte Körper weh, jede Faser. Besonders mein Hirn schmerzte. Außerdem litt ich unter Nikotinentzug. Aber ich stand auf und schleppte mich den Gang hinunter. Doch als ich mich umdrehte, sah ich, wie der Mann und Madame es sich so einrichteten, als säßen sie zuhause auf dem Sofa. Sie heizte auch noch die andere Hälfte meines Sitzes auf und streichelte den Kopf ihres Mannes wie man einen Schoßhund streichelt.
Ich versuchte, eine ausliegende Frankfurter Allgemeine zu lesen, aber konnte mich nicht konzentrieren.
Also fügte ich mich den Umständen.

Als das nächste Essen serviert wurde, war ich völlig am Ende. Nahezu 72 Stunden ohne Schlaf. Ich stellte das Tablett hochkant und setzte mich zum Essen auf den fixierten Bügel. Ich starrte das Essen an.

Tja.

Dann bemerkte ich, wie sie das Bisschen frei gewordenen Raum für sich nutzte. Sie sah mich erneut mit gespielt schlechtem Gewissen an – ein riesiger rosa Fleischklops mit gelben Büscheln darauf. Kaum Hals, und darunter ein neongrünes Oberteil, ausgebeult durch die Speckrollen. Keine Ellbogen, nur Grübchen. Diese Schweinsäuglein, dieses Loch, aus dem das Wort drang.

Sorry.

Ich konnte nicht anders. Ich wollte ihr an die Gurgel. Ich wollte sie Kannibalen zum Fraß vorwerfen. Ich sagte sehr deutlich und mit mühevoll unterdrückter Wut: - So. Jetzt reicht’s mir aber mit den Sperenzchen. Sie rücken jetzt SOFORT so weit zum Fenster, wie Sie’s nur können, Madame. Und wissen Sie, was? Es geht nicht an, das Leute wie Sie in der Economy-Class fliegen. Man sollte Sie am Schalter abweisen. Sie sind eine Zumutung, eine weinerliche und verschlagene obendrein. Und ich will nicht von Ihnen berührt werden. Ich will Sie nicht spüren müssen. Verstehen Sie das?

Herrgott im Himmel… Ich bekam sofort ein schlechtes Gewissen und peinliche Stille trat ein. Mir war mies zumute, weil mir deswegen mies zumute war.
Verurteilt wegen Verstoßes gegen die Politische Korrektheit. Diskriminierung. Sie verdammter Drecksack… Das jedenfalls sagten die Augen der anderen Dicken hinter mir und ein paar Augen dünnerer Leute obendrein. So erledigten sie einen. Sie setzten permanent verlogene Freundlichkeiten und Schweigen ein. Sie spielten mit der Toleranz und dem Mitleid ihrer Mitmenschen. Sie drängten sich einem auf und rechneten damit, dass man vor lauter Scham schwieg: Dicke, Dauertelefonierer, Schreihälse.
Egal.
Ich setzte mich. Es blieb mir nicht wesentlich mehr Platz, aber die paar gewonnenen Zentimeter fühlten sich wie ein schwacher Sieg an. Kein wirklicher Sieg, da es unmöglich war, nicht von ihr berührt zu werden. Nur eine verwässerte Form von Genugtuung, die sich mit ebenso verwässerten Schuldgefühlen abwechselte.

Zen, dachte ich. Sei höflich. Reg dich ab. Es geht vorbei.
Lass dich nicht lenken.
Lass dich von so was auf gar keinen Fall lenken.

Und dann dankte ich dem Schmerz im linken Ohr.

Dortmund / Köln, Juni 2009

Michael Steffens 































 
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