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Legende des Nachtlebens: das „Spirit“

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Egal, wie und wo die Partynacht in Dortmund anfängt: Sie endet im „Spirit“. Die Diskothek an der Helle 9 genießt Kult-Status, hier tanzt der Abiturient mit dem 60-Jährigen, kickert die Studentin mit dem Rocker – und das schon seit Jahrzehnten. DJ Mimmi legt seit Anbeginn dort auf, inzwischen mit Lesebrille auf der Nase. Dass dem Laden allzu innige Verbindungen mit dem Rockerclub Bandidos nachgesagt werden, dass angeblich eine Leiche einbetoniert unter der Tanzfläche liegt – all die Geschichten, Gerüchte und Legenden, die sich um das Spirit ranken, erhöhen nur seinen Reiz.
SPIRIT – die fünf orange-roten Buchstaben erheben sich mächtig wie ein Feuer aus einem Meer aus Totenschädeln. Das martialische Graffiti im Erdgeschoss des Gebäudes Helle 9 lässt schon ahnen: Wer chic ausgehen möchte, ist hier falsch. In der oberen Etage des Gebäudes hat sich der Rockerclub Bandidos sein Vereinsheim eingerichtet, unten wird gerockt, jeden Mittwoch, Freitag und Samstag. Bevorzugte Musikrichtung: Hard Rock und Heavy Metal. Das hat in diesem Gebäude Tradition, auch wenn die Namen und Betreiber der Disco wechselten. Seit fast 30 Jahren zieht der Club nun unter dem Namen „Spirit“ Nachtschwärmer an – ein ungewöhnlich langes Leben in dieser Branche.
Das Besondere am Spirit ist: Die Zeit scheint darin stehen zu bleiben. Wer nach fünf, zehn oder gar 20 Jahren erstmals wieder die drei Stufen neben der Kasse hinaufläuft, findet alles vor wie in der Erinnerung. Am Ende vor Kopf die Tanzfläche, auf der die Haare (und manchmal auch die Fäuste) fliegen. Der Tresen, an dem die meisten Gäste vorsichtshalber nur Flaschenbier bestellen. Der ständig belegte Kicker an der Treppe, die zu den Toiletten hinunterführt. Der zum Scheitern verurteilte Versuch, den Gang hinunter zu vermeiden – die Klos im Spirit sind nichts für Zartbesaitete. Manch einer, erzählt man, sei mit seinen Flip-Flops schon am Boden kleben geblieben. Es ist eine dieser Geschichten, wie es hunderte aus dem Spirit gibt, allerdings eine besonders unglaubwürdige: Wer würde schon mit Flip-Flops ins Spirit gehen?
Hinter dem erhöhten DJ-Pult links von der Tanzfläche steht eine Institution: DJ Mimmi. Mimmi trägt schwarz gefärbte, schulterlange Haare mit grauem Ansatz, Drei-Tage-Bart und eine schwarze Cargo-Hose mit schwerem Metall-Gürtel. Seit 1978 legt er auf, erst Platten, dann CDs, nun klickt er Dateien an. Musik ist Musik. Fragt man Dortmunder nach dem Spirit, erinnern sich die meisten an Mimmi. Und sonst an nicht mehr viel. Oder zumindest nicht deutlich. Denn das Spirit ist die letzte Station auf der Tour durch die Nacht, die dort langsam und unbemerkt zum Morgen wird. Mimmi ist der Mann, der den Soundtrack dazu liefert, er ist der Zeremonienmeister des Dortmunder Nachtlebens – und wie über jede Institution gibt es auch über ihn Dutzende Geschichten und Gerüchte: Stimmt es, dass er hinterm DJ-Pult pinkelt? Dass er schon mal jemanden verprügelt hat, weil ihm der Musikwunsch nicht gefiel? Ist er eigentlich Bandido? Er müsste doch mindestens schon 60 sein?
Das mit dem Alter stimmt. Immerhin. „Mimmi“ heißt er, seit er klein ist. Seine Mutter hat ihn so gerufen. Eigentlich heißt er Demetre Theophilopoulos, doch „Mimmi“ blieb. Im Alter von drei Jahren kam er nach Dortmund, wuchs in der Nordstadt auf, machte den Hauptschulabschluss und eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker. Gegen Ende seiner Lehre begann er, Platten aufzulegen. Als seine Chefs das mitbekamen, stellten sie ihn vor die Wahl: entweder die Musik – oder deine Stelle! „Da habe ich natürlich bei Mercedes aufgehört“, sagt er. Mimmi entschied sich für die Musik, immer wieder. „Ich hätte zwei Mal heiraten können, aber ich hätte das Auflegen aufgeben müssen. Das wollte ich nie.“
Aufgegeben hat er dafür die Drogen – seit Mitte der 1990er Jahre, sagt er, rühre er keine mehr an, inzwischen hat er auch dem Alkohol entsagt. Sein legendärer Ruf stammt aus früheren Zeiten: Es galt durchaus als Mutprobe, sich bei Mimmi einen Song zu wünschen. „Ich konnte früher schon mal etwas garstig werden“, gibt er zu, „viele wünschen sich eben zum falschen Zeitpunkt das Falsche.“ Heute, sagt er, sehe er das entspannter, obwohl er nach wie vor nicht jeden Musikwunsch versteht. „Letztens hat sich ein Jugendlicher ZZ Top und Led Zeppelin gewünscht“, sagt er kopfschüttelnd, „ein Jugendlicher!“ Musikalisch versucht Mimmi, immer up to date zu bleiben: An den Tagen, an denen er nicht auflegt, sucht er im Internet-Radio nach neuen Songs und bereichert seine MP3-Sammlung, die inzwischen 26.000 Lieder umfasst.
Die Zeiten ändern sich. Selbst im Spirit. Die Studenten, sagt Mimmi, gingen viel weniger feiern als früher. Die Schuld gibt er den Uni-Refomern, die aus dem Studium alten Zuschnitts eine Schnellstraße zum Bachelor gemacht haben. Versumpfte Abende im Spirit passen da nicht mehr. Besonders mittwochs, wenn das Bier für eine Mark zu haben war, war das Spirit früher voll, und die Studenten auch. Heute sind sie längst etabliert und kommen ab und zu noch einmal vorbei, um in Erinnerungen zu schwelgen. „Letztens im Krankenhaus ist ein Oberarzt ausgerastet, als er mich gesehen hat – er hat sich so gefreut!“, erzählt Mimmi. „Ich müsste auch ziemlich viele Lehrer kennen, so viele Lehramststudenten, wie bei uns gefeiert haben.“ Ab und zu, sagt er, komme auch jemand ans DJ-Pult und richte ihm „schöne Grüße von meinen Eltern“ aus. DJ Mimmi will weitermachen, so lange es noch geht – und wenn irgendwann die Enkel von ihren Großeltern grüßen, wird er sich ebenso freuen.
Und die Geschichte mit der Leiche unter der Tanzfläche? Sie stimmt tatsächlich – allerdings trug sie sich in den 1980er Jahren zu, als das Spirit noch „Nummer 9“ hieß. Nachzulesen ist der Fall in der Ausstellung „110“ im Polizeipräsidium. Demnach wurde eines Tages der Kaufmann H. vermisst gemeldet. Er betrieb drei Lokale in der City, darunter auch das „Nummer 9“. Eine Woche nach seinem Verschwinden bekam die Polizei einen anonymen Brief mit einem Hinweis: „An das Polizeistation Dortmund“, stand maschinegetippt auf der Notiz, „WENN SIE ABREISSEN HAUS WORIN DISCOTEK NR. 9 DORTMUND HELLE NR. 9 SIE FINDEN ÜBERRASCHUNG GROßE IN WÄNDE.“ Mit Leichenspürhunden machte sich die Polizei auf ins Brückstraßenviertel. Nach vier Stunden war die Leiche freigelegt: Zwei Angestellte hatten H. ermordet, in einen Teppich gewickelt und in einen Sockel im Keller einbetoniert. Laut Polizei-Akte schuldeten die Täter ihrem Chef Geld, das sie nicht zurückzahlen konnten. Der Richter gab ihnen lebenslänglich.
Mimmi weiß mehr: Die Täter, sagt er, seien längst wieder entlassen und machten sich in Griechenland ein schönes Leben. Es sei damals um Konzessionsstreitigkeiten gegangen. Und die Leiche sei gar nicht im Keller an der Helle 9 gefunden worden, sondern in einem Café direkt nebenan. Dass sich das Gerücht von der Leiche im Spirit dennoch so hartnäckig hielt, liegt vermutlich auch daran, dass niemand ein großes Interesse daran hatte, die Sache richtig zu stellen: Nach dem Mord, erinnert sich Mimmi, sei der Umsatz im Spirit sprunghaft angestiegen. Alle wollten auf der Tanzfläche feiern, unter der die Leiche gelegen hatte.

Katrin Pinetzki


 

 
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