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Leben und laufen lassen

Wenn man jemand Beliebigen fragt, wie er oder sie sich denn wünsche zu sterben, werden die meisten Leute wohl so etwas sagen wie: „Ich möchte sanft einschlafen, im vertrauten Kreis von Freunden und Familie behutsam einschlummern und heimlich, still und leise aus dem Leben gleiten.“

Für mich wäre das nichts. Das muss man sich mal vorstellen. Da schläft man abends ein, da wacht man plötzlich auf am nächsten Morgen und da ist man tot.
Da ist man einfach so gestorben und hat noch nicht mal was davon mitbekommen. Und sterben ist ja schon ein relativ wichtiges Ereignis im Leben. Kommt so ziemlich direkt hinter geboren werden. Und da kann man sich ja meistens auch schon nicht mehr dran erinnern, an so eine Geburt.

Und wer weiß was man da alles verpasst. Es ist ja so, der Ursprung des Lebens, der Beginn unserer Existenz liegt in der Tatsache, dass zwei Menschen sich lieben oder sich zumindest mögen oder durch erhöhten Alkoholkonsum im selben Bett gelandet sind. Auf jeden Fall beginnt das Leben mit einem Orgasmus. Manchmal auch mit zwei aber meistens doch eher mit einem. Vielleicht auch nicht immer im Bett, vielleicht auch mal in einem Labor oder in einem Auto, aber dennoch, es beginnt mit einem Orgasmus. Und jetzt stellt euch mal vor, das Leben endet genau so wie es begonnen hat. Mit einem gigantischen und kosmischen und infernalen Höhepunkt hinter dem berühmten Tunnel aus Licht. Das will man doch nicht verschlafen.

Aber egal was und wann und wie es passiert, irgendwann ist man tot. Und damit können wir mal überhaupt nicht gut umgehen. Meine Oma kann damit umgehen. Meine Oma, die ohnehin eine sehr kluge und lebenspraktische Frau ist, benutzt gerne mal den Ausdruck „tot geblieben“ was so viel bedeutet wie „ums Leben gekommen sein“. Das klingt dann in etwa so: „Letzte Woche hatte der Soundso einen Unfall und ist tot geblieben.“ Ich finde diesen Ausdruck fantastisch. Hat sowas von Heim kommen. Genauso wie die wunderbare Wendung „da gehste tot“.
Sehr präsent in meiner Erinnerung, ist mir auch noch der ultimative Ausdruck allen irdischen und materiellen Welkens, den mein Opa mir einprägte: „Dat is kabott!“

Und irgendwann im Leben, sind wir alle mit dieser Kabotthaftigkeit konfrontiert. Und als Sterbender hat man damit noch die wenigsten Probleme. Es sind die nicht kabotten, die nicht tot gegangenen, die sich mit der Sache schwer tun. Ich vergleiche diese Situation immer gerne mit einer Zwangsabschiebung.

Das Leben ist unsere Aufenthaltsberechtigung für diese Welt, amtlich gesiegelt und notariell beglaubigt. Der Mensch und sein Leben sind heilig, werden umsorgt und gepflegt, die Würde ist unantastbar und das Wohl der Gemeinschaft steht an oberster Stelle. Und dann, geht man tot. Und mit dem Leben verliert man gleichzeitig die Aufenthaltserlaubnis für diese Erde. Der hinterbliebene Körper, eben noch Tempel des heiligen Lebens, wird plötzlich zum illegalen Einwanderer und muss abgeschoben werden. Es gibt keinen Platz in diesem Land der Lebenden für solch eine frivole Kabotthaftigkeit, wo kämen wir denn da hin?

Der Abschiebeprozess ist kurzum deutsch. Also sauber, diskret und sehr effizient. Und ehe man sich versieht, ist der illegale Körper auch schon verschwunden.

Da kann meine Oma nur mit dem Kopf schütteln. Als meine Ur-Oma starb, wurde sie für einige Tage im Esszimmer des heimischen Hofes aufgebahrt und konnte von Freunden und Angehörigen besucht werden. Sie mochte ihre Aufenthalts-genehmigung für diese Welt verloren haben, aber sie war immer noch ein Teil der Familie. Dann wurde halt einfach sehr viel geraucht, geschmaust und Schnaps gesoffen und alles war eigentlich wie immer, nur das die Ur-Oma eben nicht im Schaukelstuhl saß, sondern im Nebenraum lag. Und das ist, wie ich finde, ein ziemlich cleverer Move. Wo gestorben wird, da wird gesoffen.

Aber heute gibt es vor allen Dingen Regeln. Regeln für die Toten und Regeln für die Lebenden. Regeln die dafür sorgen sollen, dass man möglichst lange seine Aufenthaltsberechtigung behält. Gesunde Ernährung, ausreichend Sport, 100 Tipps für ein gesundes, ausgeglichenes Leben. Doch egal wie sehr man sich bemüht...

... über allem schwebt doch immer noch die Kabotthaftigkeit und ganz gleich wie vorbildlich man lebt – am Ende steht man trotzdem vor dem lieben Petrus und der wird sich sicherlich freuen über unsere glatte Haut und über unseren ausgezeichneten Body-Mass-Index; aber leider gibt es dafür keine Geld zurück Garantie. Carglass repariert, Carglass tauscht aus. Der liebe Gott leider nicht.

Ich halte es also weiter mit meiner Oma. So lange der Schornstein qualmt, sagt sie, so lange ist alles in Ordnung und steckt sich eine ihrer Light Zigaretten an. Dann hebt sie ihr Glas mit eisgekühltem Malteser in die Luft und ruft lauthals „Leber, duck dich!“ und leert ihr Glas mit einem kräftigen Zug.

Ich möchte sie gerne fragen, was sie denn eigentlich davon hält, von der ganzen Totbleiberei und der Zwangsabschiebung und all den Regeln und Vorschriften, und ich möchte sie fragen wie sie sich das Ganze vorstellt, wie sie gerne gehen würde, aber das passt nicht hierher denke ich mir und behalte es für mich.

Das ist Sache der Hinterbliebenen, der Körper mit Aufenthaltstitel, warum sich auf den letzten Metern auch noch mit so etwas herumschlagen. Ich kann sie verstehen.

Aber eines verstehe ich nicht. Es ist 2017. Wir fühlen uns aufgeklärter als jemals zuvor, wir kämpfen für Frieden und Gerechtigkeit, für Gleichheit und Klarheit, wir kämpfen für die Menschen und das Leben und wir scheitern am einfachen Tod. Wir sperren ihn weg, wir klammern ihn aus, wir verschließen unsere Augen, unsere Ohren unser Herz.

Das ging doch schon mal besser. Ohne perfekt organisierte Abschiebesysteme, ohne Regeln und ohne ein Gesetz über das Friedhofs- und Bestattungswesen.
Ohne Angst und Groll vor dem großen schwarzen Unbekannten,
dafür mit Schnaps und Schmaus und Schmöker und mit Freunden und Verwandten.

Dann heißt es „Leben und laufen lassen!“
Denn egal ob wir das Sterben hassen,
egal ob wir das Leben lieben,
irgendwann wird tot geblieben.
Das war so, und das bleibt. Und wenn es für mich mal an der Zeit ist,
heb’ auch ich mein Glas und rufe kräftig „Leber, duck dich!“
So lang der Schornstein hier noch qualmt,
bleibe ich verdammt noch mal auch durstig.

Rainer Holl

 
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