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„Das Rauschen in unseren Köpfen“

(Auszug)

Ich beeilte mich schon morgens. Ich wurde schneller wach, beim ersten Weckerklingeln oder sogar noch vorher, ich hastete unter die Dusche und hielt mich an verkalkten Armaturen fest, wenn mein Kreislauf abzusacken drohte; mein Kreislauf braucht etwas Zeit am Morgen, und die Zeit hatte ich nicht mehr, ich hatte schnell einen Tag hinter mich zu bringen.

Ich stürzte in Kleidung und Schuhe, ich verbrannte mir zwischendurch die Zunge am Kaffee, der viel zu dünn war, sich nicht lange genug gesetzt hatte. Essen war lästig geworden, es nervte mich, dass man das ständig tun musste, gegen das Ziehen und Knurren im Magen, aus Vernunftgründen, man hat nun einmal zu essen, das ist biologische Pflicht. Auf dem Weg zur U- Bahn biss ich notgedrungen in Äpfel, ich riss winzige Stücke von noch warmen Schrippen ab, wenn ich schon in der Uni saß, formte Kugeln aus dem weichen Innenteil und hielt es kaum aus, zu kauen. Genauso wenig hielt ich es aus, in geschlossenen Räumen zu sein. Solange sich die Seminarteilnehmer sammelten, war es in Ordnung, solange Jacken ausgezogen und über Stuhllehnen gehängt wurden, solange sich unterhalten und locker auf den Tischen gesessen wurde; aber sobald sich dann Dozierende anmaßten, die Tür zu schließen, wurde ich nervös.

Anderthalb Stunden waren dann auszusitzen, Präsentationen waren anzuschauen, austauschen musste man sich, diskutieren, den Arm in die Höhe recken und hoffen, drangenommen zu werden, dann musste man Standpunkte formulieren, so, dass es mühelos klang und strotzte vor Intellekt.

Ich versuchte all das als Ablenkung zu betrachten, ich sagte mir: Gut, da ist doch sogar Profit herauszuholen, ich nehme etwas mit, ich lerne, ich konzentriere mich, ich widme mich ganz bewusst anderen Dingen. Doch es funktionierte nicht, von Anfang an nicht. Ich behielt die Uhrzeit im Blick und packte so unauffällig wie frühzeitig meine Sachen ein, noch während letzter Floskeln eilte ich aus dem Raum, rannte durch Flure und treppauf, treppab, je nachdem. Wenn mich jemand sah, rief, an der Schulter festhielt, warf ich hastig Entschuldigungen zu. Tut mir leid, ich muss los, sorry; dann war ich weg, um die Ecke oder zur Tür hinaus. Den anderen ließ ich ihre eigene Interpretation. Vielleicht ein Arzttermin, ein Job, ein Notfall.

Obwohl es sich eigentlich ausschließen müsste, wurde ich waghalsig: Auf dem Rad überfuhr ich rote Ampeln mit nur winzigen Blicken nach rechts und links, ich sprang fünf, sechs Stufen hinunter, wenn die U-Bahn bereits ihre Türen zu schließen drohte.

Ich holte Hendrik in der Kneipe ab kurz nach Schichtende, wenn er noch ein Bier am Tresen trank, eine Zigarette rauchte und den Kopf in regelmäßigen Abständen nach hinten drehte, zur Tür, um nachzusehen, ob ich gerade hereinkam.

Zu Hause verschwendeten wir keine Zeit damit, uns Getränke anzubieten, ein spätes Abendessen zu kochen oder Nichtigkeiten zu besprechen. Es ging uns nicht um Tagesinhalt, nicht um den Austausch, nicht in allererster Linie, es ging uns darum, so schnell wie möglich zu verschwinden aus all dem, was uns die Zeit raubte, was sie uns zumindest so streng einteilte.

Wir umarmten uns so sehr, dass manchmal die Luft wegblieb, ganz von selbst. Dann tasteten wir uns fingerkuppenweise vor, wir schmeckten Reste von Überflüssigem, das uns bis hierher gebracht hatte: Mittagessen, Kaffee, Kaugummis, Zigaretten. Wir machten uns nichts vor, keine falschen Eitelkeiten, wir taten nicht so, als würden unsere Tage erst dann ganz frisch beginnen, wenn wir uns sahen. In einem übertragenen Sinne war das genau so, das wussten wir; aber auch, dass da zuvor für Stunden eben doch all diese Notwendigkeiten und Pflichten gewesen waren. Damit hatten wir uns lange genug beschäftigt; jedes Zähneputzen hätte uns zwei, drei Minuten gestohlen.

Der Restgeschmack in unseren Mündern vermischte sich, verschwamm zu etwas Gemeinsamen, während wir uns hektisch aus der Kleidung zerrten.

Ich hab dich vermisst, dafür war Platz zwischen knappen Atemzügen. Ich befühlte Hendriks Körper, als würde ich nach Veränderungen suchen, ist das al- les so, wie es gestern Abend, heute Nacht, heute Morgen noch war? Seine Haut war weich, er roch nach Salz, ich nahm tiefe Züge in seinen Haaren.

Die Abende, die Nächte gehörten uns. Wir lagen ohne Uhrzeit da, bloß ab und zu wurden wir daran erinnert, dass es noch eine Realität gab. Hanna klopfte und fragte, ob sie etwas aus dem Supermarkt mitbringen solle. Wir versteckten uns, wir unterdrückten Lachanfälle, bis einer von uns es schaffte, Danke, nein, zu sagen. Wir gingen nicht raus, wir wussten nicht, wozu. Es gab keinen Grund. Wir hatten hier alles, was wir brauchten, das heißt: uns. Und wir hätten uns auch in einer Bar gehabt, im Kino, in einem Restaurant, auf der Straße, aber eben nicht so; wir hätten uns dann teilen müssen mit einer ganzen Welt, die nach Aufmerksamkeit schrie.

Findest du das schlimm, fragte Hendrik irgendwann, meine Antwort war bloß, dass ich meinen Kopf vergrub, halb an seinem Nacken, halb unter dem Kissen.

Wir müssen uns erst mal aufladen, sagte er. Damit wir gewappnet sind für diese ganze Welt.

Svenja Gräfen


Info zum Buch: „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ist die Geschichte der Unmöglichkeit einer Liebe zwischen zwei jungen Menschen, Lene und Hendrik, die aus sehr unterschiedlichen Gründen eine Beziehung miteinander eingehen. Lene ist vor allem: bedingungslos verliebt. Und Hendrik braucht eigentlich Hilfe. Seine Vergangenheit drängt sich unaufhaltsam zwischen die beiden und sticht das Jetzt einfach aus.

http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/buch/details/das-rauschen-in-unseren-koepfen-9783961010042.html

Autorin:

https://www.facebook.com/svenjagraefen

 



 
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