KULTURHAUS
LOKALPATRIOT
BUCHSTABENSUPPE
TERMINE

buchstabensuppe

Ende//Neu

Heute vor genau einem Jahr hörte es auf und etwas anderes begann. Heute genau vor einem Jahr.
Ich sitze im Auto, es ist 7.30 Uhr und ich zünde mir die vielleicht vierte oder fünfte, wahrscheinlich die sechste oder siebte Kippe des Tages an. Im Radio werden Staukilometer addiert, ich höre es kaum. Die Landstraße zieht sich an diesem grauen Novembermorgen wie Kaugummi. Es staut sich auch ein paar Kilometer weiter rechts auf der A40. Die Landstraße verspricht freie Fahrt, verlängert allerdings meinen Weg. Ich habe Zeit um nachzudenken. Viel zu viel. Ich sitze im Auto, mein Magen ist Beton, meine Muskeln krampfen, ich schwitze.
Ich bin auf dem Weg zur Arbeit, ins Büro, das sich seit Wochen anfühlt wie ein Sarg. Oder seit Monaten? Die Zeit hat aufgehört zu existieren. Ich schleppe den Sarg zum Feierabend mit nach Hause. Trage ihn auf Schultern in die Wochenenden. In den Urlaub. In den Schlaf, aus dem ich in letzter Zeit viel zu oft aufschrecke, weil ich die kriechende Angst spüre. Ich bin das Nichts. Ich wachse in dir. Kannst du mich nicht fühlen?, flüstert sie. Und ich höre dieses Flüstern immer häufiger, nachts, wenn alles still ist und ich doch eigentlich schlafen sollte. Ich will schlafen. Monatelang am liebsten. Ohne Flüstern, ohne Herzrasen, ohne Schwitzen, ohne Muskelkrämpfe. Schlafen.
Ich schnippe die Kippe aus dem Fenster, lasse Luft ins Auto, weil ich sonst ersticke. Ich drücke zwei Neurodoron aus ihrer Verpackung, werfe sie mir unter die Zunge und schicke Stoßgebete zum Himmel, dass ein Placeboeffekt einsetzen möge. Der Seitenstreifen schreit mich an, dass ich anhalten solle. Jede Parkbucht ruft, dass es so nicht weitergehen kann. Jede Kreuzung will, dass ich wende. Doch im Kopf bin ich längst im Büro. Ich spiele Situationen durch, die meisten sind demütigend. Einige verletzend. Ich komme in allen vor. Fehlerquelle: Mensch.
Ich denke an die wirklich lieben Menschen, die mit mir in diesem Sarg arbeiten. Frage mich, ob ihnen das Nichts in der Nacht auch kalt die Beine hochkriecht, ob sie auch monatelang schlafen wollen. Wann es bei mir angefangen hat. Ob es wieder aufhören wird. Was passiert, wenn.
Alle Ampeln sind an diesem grauen Novembermorgen rot. Und an jeder roten Ampel flüstert das Nichts vom Beifahrersitz. Kannst du mich fühlen? Ich zünde die nächste Kippe an. In etwa zehn Minuten werde ich in meinem Sarg sitzen, hochkonzentriert, auf die nächste Demütigung wartend, denn die lauert überall. Ein unbedachtes Wort, ein Kaffee zu viel, irgendetwas Lebendiges oder Menschliches reicht aus, um die wenige Luft gefrieren zu lassen. Wer braucht schon Luft in einem Sarg?
Ich sitze im Auto, ich schwitze und mir ist kalt. Was passiert, wenn?
Fünf Minuten noch. Wieder eine Bushaltestelle, an der ich anhalten könnte, aber ich bin mir sicher, wenn ich die Zähne zusammenbeiße, wird es gehen. Ich bin mir nicht sicher. Bald werde ich Urlaub haben und den Sarg diesmal nicht mitnehmen, rede ich mir ein. Du bist doch selbst längst ein Sarg, schreit etwas in mir. Ich zieh das jetzt durch. Ich will nicht. Ich kann nicht. Ich muss. Musst du nicht, schreit etwas in mir. Niemand muss ein Sarg sein.
Kippe aus dem Fenster, zwei Neurodoron. Nächste Kippe. Wenn du jetzt anhältst, werde ich da sein, sagt das Nichts auf dem Beifahrersitz. Noch drei Minuten. Wenn ich nicht anhalte, fahre ich ins Nichts. Das weiß ich. Halte ich an, scheitere ich. Auch das weiß ich.
Ich fahre auf die letzte Kreuzung zu. Einmal noch entscheiden. Einmal noch autonom sein. Rechts oder links. Kopf oder Zahl. Geradeaus geht es sowieso nicht. Endlich wieder autonom sein. Links der Sarg, rechts das Nichts. Und was passiert, wenn?
Ich lasse den Wagen ausrollen. Die Ampel ist rot. Setze den Blinker. Atme durch. Und biege rechts ab. Fahre weg von diesem Sarg, weg von all den Demütigungen und Erniedrigungen, hinein in ein anderes Nichts, aus dem ich nicht zurückkehren werde. Ich zünde mir die nächste Kippe an und verabschiede mich von dem Sarg, in dem ich arbeitete. Meine Muskeln entspannen sich. Ich habe verloren und ich habe überlebt. Kein Aber.
In den kommenden Nächten wird mir die Angst immer seltener die Beine hochkriechen. Ich werde schlafen und ich werde aufwachen.
Heute, 366 Tage später, weiß ich, dass ich den Blinker richtig gesetzt habe.
Reboot life. Und Ende. Neu.
Ohne Wenn.
Und Aber.

Mirko Kussin

 
Videowettbewerb

KULTURHAUS

Videowettbewerb

Bewirb dich mit deiner Band beim DEW21 Bandwettbewerb "Dortmund Calling 2018".

> WEITER LESEN
> VIDEOS ANSEHEN

AKTUELLE DORTMUNDER EVENTS

Kategorie

Suchbegriff

Zeitraum

von

. .

bis

. .

© 2005-2017  Dortmunder Energie- und Wasserversorgung GmbH  

TOP