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Unter Ottern - August

Aufenthaltsstipendium – ein Re-semi-sümee

Die Möglichkeit, fernab des Alltags sich seiner Arbeit/ Kunst/ Leidenschaft widmen zu können, ohne Geldsorgen und Druck; in einer bezaubernden Landschaft, alles um einen herum neu und inspirierend: das bietet ein Aufenthaltsstipendium. Eine besondere Form der Kunstförderung.

Trotzdem: natürlich ist um mich her alles neu, aber ich selbst bin noch der gleiche Mensch. Verändert die Umgebung und die Änderung der äußeren Variablen tatsächlich meine Arbeit, kurz: kann ich hier in Ruhe schreiben und arbeiten?

Erst einmal ist es für mich gut und wichtig, als Autor mal ernst genommen zu werden. Ich bin hier ja quasi nur wegen und in meiner Funktion als Schriftsteller, als Stadtschreiber; das ist mein fester Platz in dieser Gemeinschaft. Das hat man daheim eher selten, da ist man neben anderen sozialen Rollen auch „jemand, der schreibt“. Eine schöne Sache für das Künstler-Ego.
Dadurch verändert sich auch der Blick auf mich selbst, meine „Arbeit“ gewinnt in meinem eigenen Augen an Wert und Wichtigkeit.
Auch, wenn es hier so gut wie keine Auflagen gibt: Ein paar Dinge werden stillschweigend erwartet oder sagen wir, gern gesehen. Dass ich mich bei bestimmten Veranstaltungen sehen lasse, Kontakt halte zur Bevölkerung, zu den Kulturinteressierten. Es gibt Einladungen zu allerlei spannenden Ausflügen oder auch nur zum Kaffeetrinken. Hier muss ich für mich selbst ein gutes Gleichgewicht finden. Ich könnte den ganzen Sommer damit verbringen, in den verschiedenen Gärten und Wohnzimmern Kuchen und Kaffee in mich reinzuschaufeln, Gespräche zu führen, Lebensgeschichten anzuhören und Radtouren zu planen. Das scheint mir persönlich nicht so recht Sinn der Sache und, da ich mich literarisch in einem anderen Genre bewege, auch in dieser Hinsicht nicht hilfreich. Oft tut es mir leid, irgendwo abzusagen, ich bin mir auch nicht sicher, ob ich überall auf Verständnis stoße, aber eine Grenze zu ziehen, um diese Situation gut nutzen zu können, ist notwendig.

In dieser Waage allerdings ist es mir sehr gut möglich, diese Chance hier zu nutzen. Denn tatsächlich kann ich mich auch auf kompliziertere Gedankengänge konzentrieren, mich informieren und recherchieren. Ohne Ablenkung mich in Themen einlesen, sie in meine Arbeit einfügen und Ideen nachgehen. Wichtig für mich: Zeit ausschließlich mit meinem eigenen Gehirn zu verbringen, das ja nun das Hauptwerkzeug für Autoren ist (nun gut, nich für alle): und dies Werkzeug endlich unbelastet und frei, da eben für alles Lebensnotwendige (wohnen, essen, trinken etc.) gesorgt ist.

Auch der Wechsel der Umgebung, rein landschaftlich und im Kontrast Großstadt (oder eben Städtehaufen Ruhrgebiet) /Dorf (trotz Stadtrecht ist Otterndorf nach Einwohnerzahl ein Dorf), ist einfach wohltuend und wird mich nach Ablauf der fünf Monate verändert zurücklassen. Fünf Monate sind eine lange Zeit, im Hinblick auf innere Prozesse. Es gibt schon so etwas wie Gewöhnung und Alltag, man läuft nicht mehr nur staunend über die Farben und das Licht im Norden herum, man erlebt ein bißchen normalen Dorf-Alltag und bekommt Einblick in Leben und Geschichten, Vernetzungen und Konzepte. Und man erlebt sich selbst ganz neu.

Die Zweifel, ob ich mich denn nun Schriftstellerin nennen darf, werden weniger; im Moment auch die Frage: Kann man denn davon leben? ganz einfach mit einer galant-lässigen Geste vom Tisch gewischt, wenigstens für diese Zeit.

Also: ich bin immer noch der gleiche Mensch. Aber mit einer Erfahrung mehr, sowohl in beruflicher als auch persönlicher Hinsicht. Für mein Hirn, mein Leben, meine Arbeit und Kreativität schlicht gut und hilfreich. Und am Ende kann die Förderung der Literatur (Kunst) auch für das Land nur gut sein: denn wo wäre Deuschland ohne seine Denker und Dichter?

Bilanz Verbrauch zur Halbzeit:

28 Flaschen Rot- und Weißwein
14 Gläser Bier (davon zwei Weizen)
22 Rollen Klopapier
600 Seiten ausgedruckt (nicht Klopapier!)
½ Drucker-Toner
2000 Seiten gelesen (eher mehr, aber das sieht aus, als würde ich nicht arbeiten)
7 Päckchen Kaffee
1 ½ Flaschen Wodka
? Telefonate mit Menschen, die ich nicht kenne
7 Mal Kaffee-Trinken mit dem Kulturausschußvorsitzenden
1 Mal Kanufahren
200 Mal Ebbe und Flut (auch geschätzt)
5 Kilo Körpergewicht (dürft raten ob rauf oder runter)
7 Krabben gepuhlt (danach resigniert puhlen lassen)
1 Paar durchgelatschte Schuhe
1 ½ Notizbücher
3 Kugelschreiber (etwa, waren alle nicht mehr neu)
2 Schützenfeste
unzählige schlaflose Nächte (dafür Sonnenaufgänge am Meer)
unzählige zu lange geschlafen (dafür... keine Ahnung)

 
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