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Krankhaft

Meine Muttermale schienen sich verändert zu haben, und so suchte ich - nachdem ich mir einige Jahre Zeit ließ, um mir Sorgen zu machen und der bittersüßen Unwissenheit nachzuhängen - dann doch einen Arzt auf.
Die Zeit im Wartezimmer wurde sehr lang. Aber gottlob waren an den Wänden des Raumes 1 Quadratmeter große Abbildungen von gefährlichen Melanomen, mit denen man sich die Zeit verkürzen konnte; man brauchte sie nur sorgfältig mit seinen eigenen aus der Art geschlagenen Muttermalen zu vergleichen. Hatte man die Fotos durch, konnte man sich mit den schockierenden Texten befassen, die einem genau erklärten, ab welcher Hautverfärbung man dem Tode geweiht war.
So stellte ich blasser werdend - doch tapfer - fest, dass ich insgesamt 17 bösartige Melanome und über den Daumen gepeilt 23 Lipome mein Eigen nennen konnte.
Ich wartete und malte mir aus, dass meine Mutter an meiner Krankheit zerbräche. Vielleicht würde ich das Land verlassen, um in einem Ashram zu leben, und spirituelle Stumpfköpfe finden, die meiner Mutter auch nach meinem Tode jeden Monat einen Brief von mir schicken würden; gegen Erleuchtung versteht sich.
Denn meine letzten Monate vor meinem Ende hatte ich damit verbracht, mit meiner geschwächten Hand Tausende von Briefen zu schreiben.
Nach dreißig Jahren würde meine Mutter keine Briefe mehr entziffern können; und so hieße es dann um 2040, dass ich mir das Genick gebrochen hatte, als ich versuchte, eine blinde Frau aus den Händen Krimineller zu erretten.
Während ich im Wartezimmer darüber nachgrübelte und aus Unruhe den Platz wechselte, konfrontierte mich die nächste Wand mit weiteren gefährlichen Hautkrankheiten. Mein Ende schien beschlossen, denn ich war laut der Fotos und meinen objektiven Vergleichen auch mit Verätzungen der Haut, einigen wenigen Erfrierungen und Furunkulose geschlagen. Ich zog meinen Rock und mein T-Shirt wieder zurecht. Dann fiel mein Blick auf den Beistelltisch in der Ecke. Mit einem Satz stürzte ich auf ihn zu, fegte die Illustrierten hinfort und kniete mich auf das Linoleum. Als mein Gesicht fast die spiegelnde Glasplatte berührte, bestätigte sich mir, dass ich praktisch seit meiner Jugend unter einer dramatisch verlaufenden Gesichtsrose litt. Und ich Unwissende hatte es für harmlose Akne gehalten!
Die Mitwartenden sahen verhalten zu mir herüber. Mit meinem Fall war ich fertig, ich hatte bereits alles an mir diagnostiziert.
„Da!“, schrie ich auf und wies meiner Nachbarin - einer kleinen alten Dame mit Teilperücke - auf den runzligen Hals. „Nesselfieber und Xanthome!“
Ich kam in Fahrt und untersuchte wild die Menschen. Man bat mich, draußen bei der Anmeldung zu warten. Ich beruhigte mich unter den strengen Blicken der hochnäsigen Empfangsschwester und freute mich heimlich darüber, dass sie scheinbar nie bemerkt hatte, dass sie an Pemphigus litt. Sie hatte nur eines dieser Leiden unbekannten Ursprungs, doch ich war todgeweiht! Und ich musste es verschweigen.
Ich rutschte auf meinem Plastiksitz herum und dachte mit wehem Blick an meine Freunde. Die Uhr tickte sehr langsam. Als der Zeiger sich der Zwölf näherte, waren meine schönen Erinnerungen längst an mir vorübergezogen. Plötzlich fielen mir etliche Ereignisse ein, bei denen mich meine Freunde geringschätzig behandelt hatten. Zum Beispiel fand ich es jetzt in der ansteigenden Mittagshitze geradezu empörend, dass Murat ständig am Telefon auflegte, ohne sich richtig zu verabschieden!
Warum sollte ich also diese Leute schonen? Wenn das nächste Mal jemand ungerecht gegen mich sein würde, dann wollte ich, dass die Wahrheit aus mir herausbräche. Vor meinem geistigen Auge sah ich die Szene in blu ray-Qualität vor mir:
Fahle, entsetzte und so reuevolle Gesichter starren zu Boden oder an die Wand hinter mir. Gefasst sitze ich in einem Sessel (am besten roter Samt, Spätempire) und blicke einen nach dem anderen an. Dann erhebe ich mich und sage: „Ich kann euch nicht mehr vertrauen, ihr habt mich zu oft enttäuscht ...“
Kurz vom Schwindel erfasst, muss ich einhalten und jemand eilt mir zu Hilfe, doch ich mache mich von ihm los, taumele, fange mich wieder und rufe aus: „Nein, dafür ist es zu spät, Uwe! Ich werde die Stadt verlassen, es ist das Beste. Ich werde in Castrop-Rauxel noch einmal neu anfangen.“
Allein schreite ich aus dem Zimmer. Zurück bleiben gebrochene Menschen und ein vergessener Seidenschal ...
Ja, so ging man von der Bühne ab, einer Meute von Ignoranten mit seinem bevorstehenden Tode eine Lektion erteilend!
Aber eine Sache fand ich daran nicht so gut: Danach wäre ich für immer, immer tot.
Böse sah ich die Empfangsschwester an, die über den Witz eines furunkuligen Kerls lachte und sich ein Bonbon in den Mund steckte.
Ja, genau, was machten die ganzen Menschen nach meinem Dahinscheiden? Würden kichernd weiter leben und all das Lakritz und die Kirschen aufessen, die von Rechts wegen mir bestimmt waren! Pah, diese seelenschändenden Barbaren verdienten es nicht, dass ich auch nur einen einzigen Tag krank wäre!
Ich formte einen Zukunftsverlauf, der mir besser gefiel. In echt hatte ich dieses Leiden nur vorgetäuscht und amüsierte mich in Castrop-Rauxel ganz ausgezeichnet!
Bis die sauberen Herrschaften, die sich meine Freunde nannten, irgendwann die wundersame Botschaft meiner Selbstheilung erreichen würde. Sie würden kommen, alle und mich feiern und sich entschuldigen. Und sicher wäre ich, dass sie am Telefon nie wieder auflegten, ohne mir einen ganz großartigen Tag zu wünschen. Und das alles vollkommen ohne Schaden an meiner eigenen geliebten Person. Ha!
Einige Minuten später kam ich endlich beim Hautarzt dran und hüpfte halbnackt vor ihm herum.
„Es ist alles in Ordnung“, teilte er mir mit.
„Natürlich!“, antwortete ich und zog mich an.
Die Menschheit war einer Krankheit meiner nicht würdig.

 

Katja Freese

 
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